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February 06 2009

Berlinale 2009: Zweiter Tag.
Der Vorleser ist, wie zu erwarten, ein ziemlich unzumutbarer tear jerker, für den der Holocaust, in dem was er tut, Menschen ziemlich schlimmes antut, ehemaligen KZ-Aufseherinnen und jungen deutschen 50er Jahre Knaben zuallererst. Die Streicher machen Überstunden und prügeln einem das Melo so richtig deftig rein. Richtig übel wird's, wenn der Film sich versehentlich - oder vielleicht doch nicht ganz versehentlich - verplaudert: Die Toten von Auschwitz sind im Film nur anhand einer Spur präsent, wenn der Student Michael Berg mit entsetztem Gesicht durch die leeren Hallen des Todeslagers und an den gesammelten Schuhen der Opfer vorbei streift; wenn seine Geliebte, die frühere KZ-Wärterin Hanna Schmitz, am Ende in der Gefängniszelle - am Tag ihrer Entlassung, sneef - den Freitod wählt und sich zur Vorbereitung ihrer Schuhe entledigt, fokussiert der Close-Up diesen Entkleidungsvorgang leinwandgroß und lässt ein weiteres Paar leere Schuhe als Signum des Todes im Raume stehen. Was soll man von solcher Obszönität, der auch noch die Oscars hinterher geschmissen, noch halten? "Außer Konkurrenz" heißt in diesem Falle auch einfach: "Unter aller Sau".

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Später ein Podiumsgespräch in der Kinemathek zum Thema 70mm und wie man das Königsformat am Leben halten könne entpuppt sich als eher verschnarchte Angelegenheit. Geschwärmt wird viel, wie toll das ist (stimmt ja auch), ein bisschen Hintergrundinfos gibt es auch (ein Anfang), aber richtig viel bringt's nicht. Dass Abspieltechniken nie ganz historisch akurat sein können - es geht mitunter vor allem um den wie stets so vernachlässigten Ton, aber auch um neue Linsen und modernes Filmmaterial -, ist als Erkenntis freilich nicht sonderlich neu. Seltsam mutet eine Antwort auf die Frage an, ob 70mm als Format denn obsolet sei: Obsolet könne es ja gar nicht sein, sonst gäbe es ja keine Retrospektive. Könnte man freilich ohne PR-Brille in eigener Sache auch genau anders herum sehen: Wäre 70mm nicht obsolet, müsste man dessen Weihen nicht erst in einer Retrospektive angestrengt hochhalten.

Witzig war ein Typ drei Plätze neben mir im Publikum, ein Kinorollen-Sammler mit ziemlichem Nerd-Gestus, der in ziemlich unterdurchschnittlichem Englisch erst minutenlang die Farbtondetails unterschiedlicher Rekonstruktionsgenerationen dozierte (man lernt, dass in einer Rekonstruktion von Cleopatra aus den 90er Jahren die Schatten eher leicht ins Bläuliche schielten - oder so), um dann eine ziemlich unverständliche Frage zu formulieren, die auch nicht recht beantwortet wird. Im folgenden war jener Mensch nun vor allem damit beschäftigt, mit Händen an der Stirn zu Boden zu stieren, nervös herumzuzappeln, energisch den Kopf zu schütteln und Sätze in sich hineinzumurmeln wie: "Was ist das denn für eine Dilettantenshow, für was bin ich eigentlich hergekommen!"

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Nach einem kurzen Kaffee mit Kuchen in einem nicht ganz so überbevölkerten Starbucks um die Ecke schaue ich mir noch Mr Governor im Forum an, dessen Form dem cinema vérité der 60er Jahre nacheifert, dabei aber die Form zum Kitsch erstarren lässt. Anders Björk, vormalig Schwedes Verteidigungsminister, ist nun vor allem mit repräsentativer, also symbolischer Politik beschäftigt. Händeschütteln, Empfänge, blöde Reden halten und Jubilieen verwalten. Zwei, drei gute Momente, daneben viele lange Einstellungen, die lang sind, weil sie lang sein sollen und sich darin schon erschöpfen. Alles gut abgeschaut, in der Umsetzung aber überschaubar gelungen.



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In einer Nebenstraße hinter dem Hyatt Hotel, wo die Pressekonferenzen abgehalten werden, wird's plötzlich laut. Ein Straßenpolizisti hält aus mir nicht bekannten Gründen die Kamera eines sich offenbar in beruflicher Mission befindlichen Fotografen fest. Der schreit nun wirklich wie die gesengte Sau, der Beamte solle doch bitte die Hände von seinem Equipment lassen. Völlige seltsame Szene, weiter.

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Jährliches Berlinaleritual: Die neue Ausgabe von Revolver bei dem Film-Buchhändler im CinemaX kaufen. Die Ausgabe ist die 19. und pink. Und wie jedes Jahr liegt sie schon von Formats wegen gut in der Jackentasche und wird somit ein treuer Begleitert für die Leerlaufphasen.

Mitherausgeber Christoph Hochhäusler lädt im übrigen alle zur Release/Berlinale-Party am Sonntag ein.

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Nutzloser Boulevard-Trash: Es scheint, ich bin aufgestiegen. Beim Abholen der Berlinaletasche überreichte man mir prompt noch einen Schlüssel. Zwar nicht den zu Kosslicks Suite, den ich gewiss zu nutzen gewusst hätte, aber immerhin doch zu meiner eigenen Pressebox. Damit gehöre ich jetzt zur Kaste der wichtigen, naja, seien wir realistisch, nicht vollkommen unwichtigen Berichterstatter.

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Das Forum Expanded hat ein eigenes Blog.