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David

David Laugomer betreibt in Berlin-Treptow, an einer langsam aus dem Dornröschenschlaf der deutschen Teilung erwachenden Straße, einen Laden für Schuhdesign, in dem auch Skulpturen von seiner Hand Platz gefunden haben. David ist ein großer sportlicher Mann von etwa 60 bis 70 Jahren, dessen bequeme Hausschuhe und Arbeitskleidung zur Erhöhung des Eindrucks freier Bewegung im gewohnten Kreis beitragen. Der Kopf ist ausdrucksvoll, bestimmt, mit schwarzen, von einem roten Stirnband zusammengehaltenem Haar. In jungen Jahren stellte David einen israelischen Rekord im 800-m-Lauf auf.

Ich sehe dem Künstler zu, wie er ein Paar Damenschuhe Schritt für Schritt herstellt; wie er – scheinbar traumverloren knetend, begutachtend, dann noch einen Tupfer anbringend – sich der Vollendung eines handlichen, aus Wachs geformten labyrinthischen Gebildes nähert. Beim Zusehen wird mir die ungemeine Bereicherung deutlich, die die Materie (Leder, Wachs) durch Handarbeit erfährt. Diese Durchdringung, ja Beseelung ist körperlich fühlbar – man spürt in allem gelingenden Handwerk Zauberkunst.

David Laugomer möchte, daß man den Stier noch als solchen erkennt, wobei es sein Ziel ist, bis an jene Grenze zu gehen, wo sich die reine Form in der Abstraktion herausbildet. Das gibt seinen Tierskulpturen, die von den steinzeitlichen Felsbildern in der Altamira-Höhle inspiriert sind, die tiefere, die Traumrealität.

Die Lust des Bildhauers, seine Geschöpfe zu berühren, überträgt sich auf mich, wenn er der in einem Park aufgestellten Kuh aus Granit nach Jahren wiederbegegnet. Diese Berührung ist einer der äußersten Genüsse, die das Bewußtsein uns gewähren kann: wir dringen dann in die Tiefe des Lebenstraums ein und existieren in den Geschöpfen mit.

Mit David Laugomer und Sabine Herpich, der Regisseurin, begegnen sich zwei Menschen, die als Bildner noch wissen, was Farbe und Form, als Autoren, was Sprache ist: daß diese aus dem Schweigen, aus der Tiefe der Erfahrung kommt. Mit den Worten Davids im Ohr, mit denen er seiner Mutter, des Holocausts gedenkt, sehe ich ihn jetzt wieder vor mir: wie er sinnierend beim Arbeiten vor sich hinblickt; über Fragen, die ihm von der Regisseurin gestellt werden, lange nachdenkt; wie er in einer Pause Datteln zerkaut. Er gibt mir bei seinem Arbeiten – wie auch als Darsteller dieses einzigartig persönlichen, innigen Films – das Gefühl, daß unterhalb der großen Vernichtung tiefere Adern unversehrt bestehen und daß die eigentliche Kraft des produktiven Menschen sich nicht wie beim Täter aus dem animalischen Willen speist, sondern im Vegetativen, in der Fühlungnahme mit seinem Material liegt.

Sabine Herpich: David, 2016

Peter NAU

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Schweinderl