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Adolf Muschgs Roman 'Heimkehr nach Fukushima': von der Liebe im Schatten des Reaktors (C.H. Beck, 2018)


 Der kognitive Sprung vom "Löschwasser zum Fruchtwasser", den der Architekt Paul Neuhaus in Adolf Muschgs neuem Roman Heimkehr nach Fukushima anstellt, ist ein gewaltiger. Und der Schritt über diesen semantischen Graben hinweg ist so groß, wie einer über die Gräber der toten Japaner des Unglücks vom März des Jahres 2011. Man fühlt sich manchmal etwas unwohl damit und befürchtet, dass es der Autor mit der augenzwinkernden Bildlichkeit etwas übertreibt. Denn das Buch arbeitet mit vielen Dopplungen und Spiegelungen, die den Adalbert Stifter-Narren Paul Neuhaus aus dem Rheintal auf Einladung eines befreundeten Ehepaars nach dem japanischen Fukushima führen.

 Man will Neuhaus vom Gast zum Vermittler machen, denn der Bürgermeister eines verstrahlten Ortes in der Region um den Meiler von Fukushima will diesen wiederbeleben. Normalität soll eindlich ein-, und die ehemaligen Einwohner mögen bitte zurückkehren. Den deutschen Intellektuellen braucht er für seine Idee einer internationalen Künstlerkolonie, die er in einem ehemaligen Bauernhof ansiedeln will. Wie Pioniere sollen sie in einer Welt, in der - von der philosophischen Warte aus gesehen - ohnehin alles Dasein ständig bedroht ist, für das japanische Gemeinwohl Werbung machen. Wenn schon Künstler aus aller Herren Länder sich in Fukushima niederlassen, dann kann es mit der Strahlung ja nicht so schlimm sein, so der Gedanke des Bürgermeisters.

 Und ohne Lektüre geht da gar nichts. Adalbert Stifters Nachkommenschaften sind die Reiselektüre von Muschgs Protagonisten Paul Neuhaus. Wobei das noch untertrieben ist: der Roman ist so etwas wie ein Lebenselixir des insgesamt eher recht leidenschaftslosen Privatiers und Zufalls-Philosophen. Irgendetwas mit Architektur hat er übrigens auch am Hut. Deshalb die extravagante Villa aus Glas und Kuben, in der er zuhause residiert. Unterwegs jedoch, auf fremdem Terrain in Japan, ist ihm der Stifter so etwas wie ein Licht im Dunkel, ein Kompass und eine geistige Powerbank. Das Handy lädt der unfreiwillige Denker höchst selten auf, aber sein eigener Akku bedarf der regelmäßigen Stifter-Lektüre als Energiequelle, sonst übersteht er diese Reise nicht. 

 Beeindruckend bei Adolf Muschgs Prosa: er notiert die allerfeinsten Reibungspunkte der beiden aufeinandertreffenden Kulturen. Was nicht verwundert: er war schon immer ein genauer Beobachter, Chronist und penibler Seismograph interkultureller Kontinentalplattenverschiebungen.

 Neuhaus ist dabei weitgehend passiv, überfordert, wird herumgereicht. Vom Bürgermeister, von Mitsuko, der Gattin Kens, die sich um ihn kümmert, da Ken, seines Zeichens Künstler und Mangazeichner, schwer erkrankt ist. Aber Mitsu war damals auch schon in Deutschland mit dabei, als die Freundschaft zwischen Ken und Neuhaus begann. Sie war still und zurückhaltend, aber Paul fand sie attraktiv. Heute ist Paul häufig müde, erst der Jetlag, dann die Fremde, dann all das Neue, das er immerzu abnicken soll als unfreiwilliger Kulturattaché. Muschg lässt einen feinen Hauch des Humors durchs ganze Buch gleiten, wie eine Melodie, die das alles zu einer - manchmal auch bitteren - Komödie macht.

 Zurück zur Müdigkeit: Paul Neuhaus ist sexuell angezogen von Mitsu. Diese kümmert sich um ihn, ist schlagfertig, eigensinnig, und sagt ihm, wo's lang geht. So wie Suzanne, seine eigentliche Lebensgefährtin, die sich aber von ihm abgesetzt hat und ein eigenes Leben führt als erfolgreiche Karrierefrau. Kontinente nimmt sie im Handumdrehen, immerzu schlagfertig und schon morgens frisch gebadet, gestählt mit einem Panzer der Ironie.

 Peter Handkes Erotik der Müdigkeit, die er einmal in einem seiner vielen Bücher thematisiert hat, kommt mir da in den Sinn, und hier bei Muschg passt das auch wunderbar. Als ob da ein Magnetismus bestehen würde, der zum Unweigerlichen führt. Auch wenn man gar nicht so richtig versteht, warum sich diese beiden Menschen eigentlich anziehend finden, oder was die unausgesprochenen Motive ihres so lange gezügelten Begehrens sind. Möglicherweise eine Männerphantasie.

 Und dieser Magnetismus wird also irgendwann so stark, dass diese zwei Körper zueinander finden, sich ruppig wie einem Anfall oder einem Unfall einander bemächtigen - ganz wie die Naturkatastrophe sich des Landstriches bemächtigt hatte. Paul ist dabei sogar der passiv Schüchterne, die Japanerin nimmt alles in die Hand, wie sie das ohnehin schon die ganze Zeit zu tun pflegt. Ganz klar wird aber nie, worin eigentlich die Attraktivität Pauls für Mitsu liegt. Sie bleibt ein Mysterium, wie das Land so häufig für den Besucher.

 Doch damit nicht genug. Im Kapitel Ozean, in dem die Verbindung zwischen den beiden Protagonisten schon eine neue Stufe der sexuellen Einheit und auch der Gleichgültigkeit gegenüber jeder Verstrahlungsgefahr eingenommen hat, verzwirbelt sich Adolf Muschg in immer weitere Kapriolen und Anspielungen zum Thema Kernspaltung, Reiz-Reaktion der Elemente, Mensch und Natur und Ursuppe Ozean. Abgesehen davon, dass sich plötzlich ein neuer Ton in die Erzählerstimme einzuschleichen scheint, der distanziert generalisierende und ganz grundlegende Überlegungen zu den Themen Urschleim und zur Ursuppe, zur Endlichkeit des Menschen und der Überzeitlichkeit des Abbaus von Strontium anstellt, fällt dieses Kapitel selbst wie ein radioaktiver Fremdkörper aus dem Buch heraus.

 Die ohnehin schon den Textfluß belastenden Zitatpassagen aus allen möglichen sich anbietenden Stifter-Passagen, die den gedanklichen Abgleich des belesenen Anti-Helden  mit der Realität veranschaulichen sollen - man lebt in der Literatur, aber zugleich im Schatten des Reaktors - werden durch diese ironisch-theoretischen Einschübe noch zusätzlich belastet. Und wenn Muschg dann auch noch den Begriff der Fake News unterbringen muss, dann wirkt das doch etwas zu sehr gezwungen tagesaktuell. Aber wir vergeben ihm, denn was hier in dieser Geschichte passiert, ist doch für alle Beteiligten ziemlich überwältigend.

  Was bleibt, am Ende: Adolf Muschg als ganz offensichtlicher Kenner Japans weiß feinfühlig nicht nur von seinem Helden zu berichten, sondern auch von einem Vor-Ort-Sein zu erzählen, den Leerstellen des Verlorenseins, den kleinen Missgeschicken, die unausweichlich sind, so sehr man sich auch bemüht. Wie  auch von der Faszination, die dieses Land auszuüben vermag. Dass er sich einem Themenkomplex annimmt, der einigen Anlass zur Kontroverse gibt, verwundert dabei nicht. Wie die im Roman erwähnte Doris Dörrie mit ihrem Film Grüße Aus Fukushima, der letztes Jahr auf der Berlinale lief und der eine Erzählung ist, die ebenfalls eine überforderte Person ins Krisengebiet schickt um dort Gutes zu tun, und die dort vor allem an sich selbst scheitert - so schickt auch Adolf Muschg einen Anti-Helden, einen unfreiwilligen Stolperer, einen intellektuellen Taugenichts in das verstrahlte Land der so komplexen moralischen Verwicklungen.

 Muschg macht das auf unterhaltsame Weise. Das schwere Thema erdrückt die Prosa nicht, ganz und gar nicht. Im Vordergrund steht stets der Roman selbst und nicht die Unheilsbotschaft des Weltuntergangs. Ich fühle mich erinnert an Muschgs China-Roman, den ich vor vielen Jahren gelesen habe: Baiyun oder die Freundschaftsgesellschaft. Auch so ein unterhaltsames Buch der kulturellen Annäherung. Auch so ein Buch der Umwege, im positiven Sinne. Heimkehr nach Fukushima ist dringlicher, gefährlicher. Ein Roman, bei dem trotz aller Leichtigkeit im Subtext die Endlichkeit der Dinge immer mitgelesen werden muss. Ein Roman, der den Leser auch auf sich selbst zurückwirft.


Michael Schleeh

Der Roman erscheint Ende Juli 2018 als Hardcover im Verlag C.H. Beck und hat 244 Seiten.

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