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Haruki Murakami: Die Ermordung des Commendatore I - Eine Idee erscheint (DuMont, 2018)


 Der namenlose Ich-Erzähler, ein in die künstlerische Krise geratener Portraitmaler, zieht sich nach gescheiterter Ehe in die Einsamkeit einer Berghütte zurück: es ist das ehemalige Häuschen des berühmten Malers Tomohiko Amada, der dort ungestört arbeiten wollte. Bald aber wird er von einem mysteriösen Nachbarn gestört, der sich ein Portrait anfertigen lassen will, wie von einem mysteriösen Glöckchenläuten, das nachts immer wieder erklingt und dessen Ursprung sich zunächst nicht erkunden lässt. Mehrere Frauengeschichten halten ihn ebenfalls auf Trab, wie auch ein Malkurs, den er im Städtchen Odawara am Fuß des Berges abhalten muss. Wie in einer Schauergeschichte findet er auch noch das titelgebende Gemälde auf dem Dachboden, das die Ermordung des Commendatore zeigt. Nach und nach macht sich der verhinderte Künstler, der eigentlich auf der Suche nach Ruhe und Einsamkeit war, an die Aufklärung der mysteriösen Ereignisse.

 Ein typischer Plot für einen Murakami-Roman: eine Hauptfigur, die sich als Einzelgänger am Rande der gesellschaftlichen Peripherie aufhält, die Thematik: Kunst und Malen, klassische Musik den ganzen Tag über, die Verweise zum Jazz; ein Mysterium, das in die japanische Shinto- und Buddhismus-Tradition hinüberspielt; ein Tagesablauf, der ruhig und geregelt ist. Die kleinen Dinge, die zu ihrem Recht kommen. Die ungekünstelt geradeheraus erzählten Sexszenen und eine auch historisch ziemlich verwobene Geschichte, die den Zweiten Weltkrieg in die Erzählung hereinholt. Ein bißchen wie eine Mischung aus 1Q84 und Wind-Up Bird Chronicle mit verstärktem Kunstdiskurs.

 Der erste Band liest sich flüssig und ohne sprachliche Ausfälle - manchmal mäandert es etwas hin und her. Das kommt wohl von Murakamis "musikalischem Ansatz" des Schreibens her, der die immerselben Motive und Themen spielerisch wiederholt und öfter ähnlich neu ansetzt, wie ein musikalisches Thema, in der Variation. In einem Interview zum Erscheinen des Buches hatte er nochmal auf diese für ihn so wichtige Art des Schreibens verwiesen. Und am Beginn des Commendatore irrt der Erzähler auch tatsächlich noch ziellos durch die Gegend, als er sich in einem alten Auto von Tokio nach Hokkaido aufmacht, um vor seinen Eheproblemen davonzufahren. Auf der Reise wird er einen klaren Kopf bekommen - was sich dann nur bedingt erfüllen wird.

 Bis am Ende von Band 1 ist der Commendatore nun jedenfalls stärker gefangen nehmend als der verspielt sein wollende, aber mir dennoch recht konstruiert erscheinende Farblose Tazaki - und zwingender als die eine oder andere Kurzgeschichte aus dem Frauen & Männer-Bändchen, deren Kurzgeschichten ich - bis auf die mit dem Taxi - alle schon wieder so gut wie vergessen habe.

Der Roman wurde wieder von Ursula Gräfe aus dem Japanischen ins Deutsche übertragen und Band 1 hat 477 Seiten. Wer sich auf die Lektüre mäandernd vorbereiten möchte, kann sich auf die Jagd nach Ueda Akinaris Erzählung Die Bande über zwei Leben machen, erschienen bei Insel im Band Erzählungen beim Frühlingsregen (1990). Eine Erzählung, die eine gewisse Rolle im Commendatore spielt. 

Michael Schleeh

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Schweinderl